Kauf mich, ich pieps auch ganz leise

In der heutigen Gesellschaft spielt Verantwortung eine führende Rolle. Wer Verantwortung übernimmt, verdient mehr, ist ein besser Mensch und hat die Regeln verstanden. Das würde ich als Konsens unserer Gesellschaft bezeichnen. Das Streben nach Perfektion und nicht zu vergessen, der Weg durch Gottes Himmelstür, sollen so gut wie möglich gesichert sein.

Man kann für vieles Verantwortung übernehmen: Für Kinder, für pflegebedürftige Eltern, für Tiere, für Projekte, für Geschäftsabläufe, für Mitarbeiter, für Fehler und noch viel mehr, die Liste ist unendlich lang. Es gibt eine Gruppe an Dingen für die wir ressourcenfressende Verantwortung übernehmen und es gar nicht realisieren. Ich nenne sie ‚die druckaufbauende Piepsgesellschaft‘.

Pieps

Ich spreche von Devices, von Smartphones, Tablets, jegliche Art von elektronischen Haushaltshelfern, wie Mikrowellen, Spülmaschinen, Waschmaschinen, Saug- und Mährobotern und und und.

Wir lieben sie, denn sie verschönern unseren Alltag. Den Alltag, der ja sowieso schon so anstrengend ist. Diese Dinge geben uns endlich einen Grund und eine Antwort, warum wir soviel Lebenszeit auf der Arbeit verbringen. Wir arbeiten, um uns diese schicken Helfer, ich nenne sie mal ganz frech Statussymbölchen, leisten zu können. Erst verdienen wir das Geld, dann recherchieren, surfen und wählen wir aus. Danach folgt die Bestellung, oder man wagt sich in echte Gechäfte, um hin und wieder wahre Einkaufsgefühle zu erleben.

Wir schaffen Helfer an, freuen uns daran und integrieren sie in unser Leben. Unser jetzt verbessertes Leben. Dann geht es los. Wir müssen Acht geben, denn die Helferlein sind meist teuer. Nicht nur das, sie wollen und verlangen unentwegt Aufmerksamkeit, indem sie piepsen, oder uns den Dienst durch Ausschalten entziehen.

Es beginnt ein Wettlauf, entweder organisiere ich das Pflegen und Aufladen dieses elektronischen Goldstückes, oder schaltet es sich ab und ich muss temporär ohne auskommen? Wir müssen auf sie achten, den ganzen Tag lang, sonst helfen sie uns nicht, wie wir es brauchen.

Brauchen wir das wirklich?

Das Smartphone will immer geladen sein, das Tablet braucht sein Update, die Spülmaschine will geleert und die Waschmaschine schnell ausgeräumt werden, damit die Wäsche schön frisch bleibt. Mein Auto piepst, wenn er zur Inspektion muss, der Mähroboter piepst, weil er aus dem Gebüsch gezogen werden will und der Saugroboter schreit, wenn sich mal wieder das Kind darauf gestellt hat.

All diese Helferlein, die unser Leben schön und bequem machen, brauchen in Wirklichkeit sehr viel Aufmerksamkeit und wollen beachtet werden. Eine Aufmerksamkeit, die Energie frisst. Unsere wertvolle Energie.

Wie oft laufe ich durch die Wohnung und suche ‚DAS‘ Piepsen. Ich weiß nicht, ob es das Babyphone, die Spülmaschine, oder vielleicht das fertig aufgeladene Spielzeugauto ist. Wie oft sitze ich vor dem Fernseher und versuche das Dauerpiepsen des Handys, oder des Spielzeuges zu ignorieren, weil es lautstark ankündigt, dass es bald leer sein wird. UND DAS WOLLEN WIR DOCH ALLE NICHT, hallt es vorwurfsvoll zwischen dem Piepen.

Kinder und Erwachsene reagieren hektisch und suchen verzweifelt die richtigen Aufladegeräte, der Hund wird nervös, weil auch er wissen will, warum dieses Minimonster so monströs piept. Dem kann sich keiner entziehen. Kein Haushalt unter 100 Steckdosen ist heute mehr überlebensfähig, so fühlt es sich jedenfalls an.

Am liebsten sind mir nächtliche Piepsattacken. Aus dem Traum gerissen und mit Herzrasen aus dem Bett hüpfend, das Aufmerksamkeit haschende Ding suchend, damit ja kein Kind davon wach wird.

Das ist verrückt!

So muss man sich eingestehen, dass man oft nicht nur Kind, Hund und Haus, oder einen Job hütet, sondern auch die elektronischen Kinder umsorgen muss. Die adoptierten elektronischen Kinder, alle von Haus aus mit extremen Aufmerksamkeitsdefizit ausgestattet. Ich bin mir nicht sicher, ob das noch Freizeitstress, oder schon selbstauferlegte Nötigung ist.

Die Psyche würde vielleicht eine Überwachung über die Anzahl der piepsgebenden Dinge vorschlagen. Sollte man sie fragen, was wir ja nicht tun, solange sie nicht krank wird. Doch es ist wie mit Dauerlärm von Straßen, oder auf der Arbeit im Großraumbüro, er stört nicht offensichtlich, aber langfristig macht es uns krank.

Wir fragen uns immerzu: Ist denn auch jedes Device gut genug geschützt? Braucht das Handy eine Diebstahlversicherung, die Spülmaschine wieder Entkalker? Ist das Wasser für die Waschmaschine das richtige? Ist der Kinderschutz im iPad aktiviert, ist die Virensoftware auf dem PC noch aktuell? Wann muss nochmal das Auto zum TÜV und dazwischen darf man das Luft holen nicht vergessen. Das ist Verantwortung und Stress, den man meist gar nicht sieht.

‚Die druckaufbauende Piepsgesellschaft‘ ist raffiniert, sie macht sich so interessant, dass man die Belastung übersieht, die jedes piepsen nach Strom, Batterien, oder sonstiger Pflichten, mit sich bringt.

Vielleicht sollten wir mal versuchen Verantwortung für uns selbst zu übernehmen und dem gesellschaftsfähigen Burn-Out auf den Grund gehen.

Wer weiß, vielleicht ist es auch bei Dir ein ‚PIEPS‘ zu viel gewesen, als du letztes Mal ausgeflippt bist 😉

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