Warum unser 4. Ich unser liebstes ist. Das Zeitalter der multiplen Persönlichkeiten.

Eine sehr wichtige soziale Gruppe unserer Gesellschaft ist die Internetgemeinde. DIE Internetgemeinde. Dieser viel benutzte, allumfassende Begriff unter dem sich jeder etwas anderes vorstellt.

Wer soll diese Internetgemeinde denn sein?

Wer ist denn da überhaupt aktives Mitglied, wer hat das Sagen? Besteht sie aus weltweit verteilten sehr gebildeten www-Usern, oder doch eher Wesen, die ihre Geisteskrankheiten versuchen im Netz selbst zu heilen? Besteht sie gar aus ominösen Leuten, die Fragen an die Redaktionen der Yellow-Press tätigen und sich darauf weltveränderte Antworten erhoffen? Oder aber ist es doch Hinz und Kunz im Unterhemd vor dem PC, die Hand kratzend in der Unterhose Meinungen und Halbwissen verteilend? Ich weiß es nicht.

In einem bin ich mir ganz sicher, eine Gemeinde betet immer jemanden an. In diesem speziellen Fall das heilige Internet. Dieses glücklich machende Wesen, dieser unerschöpfliche Topf an Wissen und Vergnügen.

Das Internet hat uns gerettet! Schnauze dahinten! Jeden von uns gerettet. Das Motto lautet: Sei wer du willst! Wo du willst, wann du willst und wie du willst. Yeah. 

Ist das die Rettung oder der Untergang für ein glückliches Ich? Schauen wir es uns näher an.

Endlich können wir sein wie wir wollen. Erstmal 500 Selfies schießen um das Eine zu finden, dieses Bild, das endlich der Person unserer Vorstellung , mühevoll bearbeitet, entspricht. Das immerwährende Hoffen, dass die anderen auch glauben, dass man genau so sei und aussehe. Bitte. Bitte.

Die Internetgemeinde wird es glauben wollen. Jeder Like, jeder Fave wird händeringend erwartet, damit man endlich selbst daran glauben kann diese Person zu sein.

Spiegel geh zur Seite! Ich will mein Display sehen!

Endlich muss man nicht mehr duschen und einen Club suchen um jemanden kennenzulernen. Der größte Zeitaufwand ist nur noch das Anlegen des eigenen Profils im Dating-Portal. Man suche ein gutes Bild raus und erfindet sich selbst im Fragebogen. Dann warten und hoffen gefunden zu werden. Was ein wundervoller Rückschritt der Menschheit, ähm ich meine natürlich Fortschritt.

So läuft es bei Single-Portalen, bei Twitter, bei Facebook und unendlich vielen anderen Portalen. Wir brauchen keine Hobbies mehr. Das surfen und scrollen in den Social-Media-Portalen ist ausreichend. Display an und sofort den Zeitfresser Nummer 1 gefunden. Niemand wartet mehr auf die Tagesschau, oder auf 20.15 Uhr damit der Hauptfilm losgeht. Nein, wir surfen, chatten, shoppen und streamen was wir wollen, wann wir wollen und mit wem wir wollen.Und schon ist es Zeit in das Bett zu hüpfen, ohne 1 Minute über sich und sein Leben nachgedacht zu haben. Herrlich.

So einfach und erfrischend, oder war es krankmachend und abstumpfend?

24 Stunden Öffnungs- und Hoffnungszeiten

Das Internet. Dieser warme, überdachte Zugang zu undenklich vielen Informationen und Spass.

Öffne deinen Browser und die Magie beginnt. Eine Welt in der einem alle Türen offen stehen. Endlich finden wir Hunderte Freunde, obwohl man keinen einzigen neben sich sitzen hat. Jene Menschen mit denen du mal zur Schule gegangen bist und mit denen du dich eigentlich schon damals nicht verstanden hast, werden jetzt Grundpfeiler deiner Tagesbeschäftigung. Arbeitskollegen von denen du eigentlich nicht einen Deut mehr wissen willst, als du es aus deinem Arbeitsalltag schon weißt, müllen dich ab jetzt mit Fotos und Aufenthaltsinformationen voll.

Flüchtige Bekannte aus Vereinen, Fitnessstudios und Seminaren kommen in das Rampenlicht deiner Bühnenshow. Alles verschiebt sich. Statt unrelevante Durchläufer deines Lebens zu sein, werden sie deine digitalen Freunde. Dicke Freunde, die sich für dich interessieren und es bestimmt nur gut mit dir meinen. Bestimmt. Es ist in bunten Lettern auf dem Bildschirm zu sehen, was für tolle Freunde es sind. Dann muss es wahr sein.

Oh wie schön, der Bekannten- und Freundeskreis bläht sich digital auf und der eigene Persönlichkeits-Score schnellt in die Höhe. Die Leute verfallen der Sammelwut, denn um so größer der Bekanntenkreis ist, desto interessantere ist man doch, oder? Oder?

Was die Panini-Sammelbilder für Kinder, sind die Sozialen Medien für Erwachsene. Angestrebt ist der bunte Fächer von coolen, schönen Freunden, denn der Schein soll ja auf den fleißigen Sammler abfallen. Vergessen wir nicht, dass die Menge an digitalen Freunde von einer eigenen interessanten Persönlichkeit und einem großen Willen zu Aktivität und Erfahrung zeugen. Warum sollten sich die wundervollen Menschen sonst mit einem öffentlich befreunden?

So ist die Theorie.

Das hat mit der kalten, Leistungsdruck schwangeren Realität nichts zu tun, die sieht nämlich wie folgt aus:  Ab jetzt nimmst du an allem teil was deine vermeintlichen Freunde so erleben und fühlen. Vermeintlich. Du fährst mit in die Urlaube, leidest oder freust dich an den Beziehungen und Scheidungen, du begutachtest die fantastischen Hobbies und deren politische Gesinnung. Vermeintlich.

Jetzt kommt der Haken und dieser scheint für eine Menge Menschen komplett unsichtbar zu sein.

Haken? Welcher Haken?

ÜBERRASCHUNG!

Diese ganze digitale Welt ist eine Fiktion, erschaffen wie ein Drehbuch und jeder ist sein eigener Regisseur. Man beachte, das diese Leute nur die digitalen Projektionen dieser Menschen sind. Jedes Profil ist selbst erschaffen, gebügelt und gepimpt an ruhigen Abenden vor dem Fernseher. Nur der Stempel ‚Handemade‘ fehlt.  Man liked, faved und staunt, hasst und freut sich. Die Abendanimation hat begonnen.

In diesem Zeitalter geht der Trend zur multiplen Persönlichkeit

Was stellen all diese Möglichkeiten mit uns an? Wir Menschen passen uns an. Das haben wir in der Evolution immer erfolgreich getan. Jetzt trenden wir zur multiplen Persönlichkeit. Wen haben wir denn da alles?

Das 1. Ich

Es gibt einmal unser Ich, *sagt Hallo!* das was morgens nach dem Aufstehen sehen, wenn wir müde und ausgelaucht in den Spiegel schauen. Dieses Ich das am Schulabschluss eine genaue Vorstellung des kommenden Lebens hatte und sich optimistisch in die Fluten der Zukunft schmiss. Das ist unsere ungeschminkte, Gott gegebene Persönlichkeit. Manchmal nicht sehr vielversprechend für die aufregende Achterbahnfahrt unserer Gesellschaft. Dies ist der Moment dann Hilfe zu holen.

Das 2. Ich

Es erfolgt die erste Verwandlung. Wir waschen und putzen uns raus, viele Frauen legen jetzt ihr Gesicht an und wupps bis du der Arbeitskollege bzw. die Arbeitskollegin. Unser 2. Ich ist geschaffen.

Die Ausführung variiert nach den Ansprüchen, entweder hart und durchsetzungsbereit, weil der Chef es soll will, oder empathisch und gutmütig, weil der Kontakt mit anderen Menschen es so verlangt. Dieses 2. Ich schmiert den Karrieremotor so gut es kann. Das Ziel des wundervollen Reichtums und der Anerkennung der Mitmenschen ist in weiter Ferne und doch ein primäres Lebensziel. Nicht vergessen, auch dieses Hamsterrad ist rund um die Uhr geöffnet. Was für ein Service.

Das 3. Ich

Dann geht es ab nach Hause und da erwartet uns das 3. Ich. Diese liebenswerte Person, die alles problemlos unter den Hut bekommt. Gesund, gut drauf, fair, moralisch hoch angesetzt, sexy, erfüllt mit Liebe und klug. Immer ein Ohr für den Partner und die Kinder. Der Haushalt soll top sein, die Kinder gut erzogen und natürlich ist man eine Granate im Bett. Natürlich. Wir gehören nicht zu diesen Menschen, die im Alltagsstress vergessen sich täglich zu rasieren, oder nicht immer ein Negligé sauber im Schrank liegen haben. Nein! Wir nicht! Wir wollen den deutschen Durchschnitt, diese 3 Male die Woche Sex lassen wir uns nicht nehmen, oder nein wir wollen ihn übertreffen. Hemmungslose Leidenschaft ist unser täglicher Begleiter, denn das vermitteln uns doch die Medien.

Und die müssen es wissen!

Das Schlafzimmer wird das Prunkstück an Erfahrung und Entspannung im eigenen Leben. In der Theorie. Dieses Ich stellt das was der Partner erwartet, oder halt die Familie wird hiermit bedient. Man nimmt sich selbst zurück und gibt sein möglichstes. Dieses Ich ist anstrengend und verlangt viel Aufmerksamkeit.

Das 4. Ich

Nach all diesen Theorien, Bemühungen und Rückschlägen, den Enttäuschungen wird es Zeit für unser 4. Ich.

Unser liebstes Ich, das war wir komplett selbst bestimmen und mit welchem wir selbst gern befreundet wären.

Unser digitales Selbst. Unser Spiegelbild verzerrt durch unser Display. Es wird Abend und wir sitzen dann endlich allein im Wohnzimmer.

Es ist soweit! SPOT AN!

Jetzt holen wir unsere Lieblingspersönlichkeit raus, unser schillerndes 4. Ich. Das Internet-Ich, geschaffen mit unseren eigenen Händen, poliert mit Erfahrung und Erlebnissen. Erstmal schauen was die Internetgemeinde so macht. Jetzt schließt sich der Kreis. Unzählige Apps helfen uns bei der Präsentation unseres wundervollen Lebens. Wir heben unsere Meinungen und Aktivitäten auf die nächste Stufe. Wir machen hier im Internet alles so wie wir es wollen. Hier hält uns keiner auf. Wenigstens solange die Internetgemeinde uns gut gesonnen bleibt. Jetzt pflegen wir stundenlang unser 4. Ich währenddessen unser 1. Ich eigentlich nur mal gekämmt und geduscht werden will.

Du fandest diesen Text deprimierend und hast das Bedürfnis Deine Fingernagelhaut abzukauen, oder hast Du geschmunzelt, gelächelt und Dich selbst erkannt? Lass es uns wissen.

Deine Internetgemeinde ;D

 

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