Das Laminat und andere Stolpersteine ins Familienglück

https://www.familienbetrieb.info/familien-tweets-der-woche-223/

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Den Konsumzwang gab es zur Gebärmutter kostenlos dazu

Ich strebe ein Leben aus Holz an. Ich will ölgelaugte Möbel um mich haben, die ihre Perfektion an mir abreiben. Ein spartanisches Leben aus dem Notwendigsten. Pädagogisch wertvolles Spielzeug, aus Holz natürlich. Lebensmittel frisch vom Baum gepflückt. Wasser aus Tausende Jahre alten Quellen. 

Soweit die Theorie

Dann öffne ich das Internet oder gehe aus der Tür. 

Ich habe gestern ernsthaft überlegt mir ein Shampoo für 37,50€ zu kaufen. Ja wenn doch alle meine Haarprobleme dadurch gelöst wären, ist ein Opfer geringer als mein Erstgeborenes, doch völlig angemessen. Nicht zu vergessen, dass die Flasche bunt und glitzern war, hach sähe sie gut in meinem Badezimmer aus, in dem die Schränke schon vor Überladung leise weinen.

Marketingleute aus dem ganzen Land lachen in diesem Moment über mich. Ich die Statistikerfüllerin, mache nicht nur Unternehmer, sondern auch Dienstleister glücklich. Marketingmenschen weltweit rufen im Chor: Ja Baby, kauf es! Du willst es doch auch! Es riecht auch noch göttlich!

Ich war stark und hatte Gott sein Dank mein Hirn nicht im Auto gelassen. Ich habe es nicht gekauft, aber seien wir ehrlich, hätten auf dem Preisschild die Zahlen 17,50€ geprangert, hätte ich schneller bezahlt, als Trump den Schirm vor dem Flugzeug hingeworfen hat.

Ich bin Opfer.

Ich bin das Schmieröl in den Rädern unserer statussymbolgeilen Gesellschaft.

Ich gehe arbeiten um das Geld, glücklich singend wie Mary Poppins, den Geschäften in den Rachen zu schmeißen.

Wer kennt nicht dieses Gefühl von Glück, wenn man ein Rudel Tüten nach Hause bringt und den Abend mit ihnen und deren unnützen oder mindestens überteuerten Inhalt verbringt.

YouTube und Pinterest öffne ich nur noch aus wirklich, wirklich wichtigen Gründen, denn sollte ich zufällig auf ein Video oder ein Bild stoßen, dass zum Beispiel DIE beste Mascara bewirbt, dann muss ich es wissen. Das Bernsteinzimmer der Wimperntusche könnte ja gefunden worden sein und ich habe es nicht sofort gewusst. Also klicke ich, skeptisch wie eine gut informierte Frau sein sollte und schaue mir weiterhin sehr skeptisch das Video an. Meine Finger öffnen nebenher ein zweites Browserfenster und checken, rein informativ, wie teuer der Glücksbringer denn wohl wäre, wo ich ihn bestellen könnte und wie lang die verfluchte Lieferzeit ist.

Ping, you got Mail, meine Bestellbestätigung. Schnell wegklicken und verdrängen bis der DHL-Mann mir ein kleines Päckchen überreicht, bei dem ich keine Ahnung habe, was ich denn bestellt haben sollte. Mein DHL-Mann würde mir sofort schwere Demenz bescheinigen. Ich sehe ihn im Fernsehinterview, wie er sagt: „Sie ist so jung und wusste nie, warum ich ihr so viele Pakete brachte. Ein trauriges Schicksal

Ich vermute es ist ein Schutz eines noch funktionierenden Gehirnareals in meinem Kopf.

Mein Pinterest-Verhalten ist auch nicht anbetungswürdiger. Ich öffne die App und sehe die Idiotenfänger. Die Bildchen wollen dich dazu bringen drauf zu klicken, um jeden Preis. Sie versprechen alles, zwanzig Kilo Gewichtsverlust in zehn Tagen, oder ein Hausmittelchen um ohne Erkältung über den Winter zu kommen. Zehn Jahre jünger ohne teure Operationen wird garantiert, genauso wie glückliche Kinder durch äußerst einfache Bastelaktionen, von denen sie auf jeden Fall alle nötigen Utensilien im Haus haben. Versprochen. Klick mich nur an und du wirst es sehen. 

Ich falle darauf nicht rein, denn ich habe ja Ahnung und Menschenverstand.

Woher ich das alles weiß? Ich hatte alle schon angeklickt….

Kauf mich, ich pieps auch ganz leise

In der heutigen Gesellschaft spielt Verantwortung eine führende Rolle. Wer Verantwortung übernimmt, verdient mehr, ist ein besser Mensch und hat die Regeln verstanden. Das würde ich als Konsens unserer Gesellschaft bezeichnen. Das Streben nach Perfektion und nicht zu vergessen, der Weg durch Gottes Himmelstür, sollen so gut wie möglich gesichert sein.

Man kann für vieles Verantwortung übernehmen: Für Kinder, für pflegebedürftige Eltern, für Tiere, für Projekte, für Geschäftsabläufe, für Mitarbeiter, für Fehler und noch viel mehr, die Liste ist unendlich lang. Es gibt eine Gruppe an Dingen für die wir ressourcenfressende Verantwortung übernehmen und es gar nicht realisieren. Ich nenne sie ‚die druckaufbauende Piepsgesellschaft‘.

Pieps

Ich spreche von Devices, von Smartphones, Tablets, jegliche Art von elektronischen Haushaltshelfern, wie Mikrowellen, Spülmaschinen, Waschmaschinen, Saug- und Mährobotern und und und.

Wir lieben sie, denn sie verschönern unseren Alltag. Den Alltag, der ja sowieso schon so anstrengend ist. Diese Dinge geben uns endlich einen Grund und eine Antwort, warum wir soviel Lebenszeit auf der Arbeit verbringen. Wir arbeiten, um uns diese schicken Helfer, ich nenne sie mal ganz frech Statussymbölchen, leisten zu können. Erst verdienen wir das Geld, dann recherchieren, surfen und wählen wir aus. Danach folgt die Bestellung, oder man wagt sich in echte Gechäfte, um hin und wieder wahre Einkaufsgefühle zu erleben.

Wir schaffen Helfer an, freuen uns daran und integrieren sie in unser Leben. Unser jetzt verbessertes Leben. Dann geht es los. Wir müssen Acht geben, denn die Helferlein sind meist teuer. Nicht nur das, sie wollen und verlangen unentwegt Aufmerksamkeit, indem sie piepsen, oder uns den Dienst durch Ausschalten entziehen.

Es beginnt ein Wettlauf, entweder organisiere ich das Pflegen und Aufladen dieses elektronischen Goldstückes, oder schaltet es sich ab und ich muss temporär ohne auskommen? Wir müssen auf sie achten, den ganzen Tag lang, sonst helfen sie uns nicht, wie wir es brauchen.

Brauchen wir das wirklich?

Das Smartphone will immer geladen sein, das Tablet braucht sein Update, die Spülmaschine will geleert und die Waschmaschine schnell ausgeräumt werden, damit die Wäsche schön frisch bleibt. Mein Auto piepst, wenn er zur Inspektion muss, der Mähroboter piepst, weil er aus dem Gebüsch gezogen werden will und der Saugroboter schreit, wenn sich mal wieder das Kind darauf gestellt hat.

All diese Helferlein, die unser Leben schön und bequem machen, brauchen in Wirklichkeit sehr viel Aufmerksamkeit und wollen beachtet werden. Eine Aufmerksamkeit, die Energie frisst. Unsere wertvolle Energie.

Wie oft laufe ich durch die Wohnung und suche ‚DAS‘ Piepsen. Ich weiß nicht, ob es das Babyphone, die Spülmaschine, oder vielleicht das fertig aufgeladene Spielzeugauto ist. Wie oft sitze ich vor dem Fernseher und versuche das Dauerpiepsen des Handys, oder des Spielzeuges zu ignorieren, weil es lautstark ankündigt, dass es bald leer sein wird. UND DAS WOLLEN WIR DOCH ALLE NICHT, hallt es vorwurfsvoll zwischen dem Piepen.

Kinder und Erwachsene reagieren hektisch und suchen verzweifelt die richtigen Aufladegeräte, der Hund wird nervös, weil auch er wissen will, warum dieses Minimonster so monströs piept. Dem kann sich keiner entziehen. Kein Haushalt unter 100 Steckdosen ist heute mehr überlebensfähig, so fühlt es sich jedenfalls an.

Am liebsten sind mir nächtliche Piepsattacken. Aus dem Traum gerissen und mit Herzrasen aus dem Bett hüpfend, das Aufmerksamkeit haschende Ding suchend, damit ja kein Kind davon wach wird.

Das ist verrückt!

So muss man sich eingestehen, dass man oft nicht nur Kind, Hund und Haus, oder einen Job hütet, sondern auch die elektronischen Kinder umsorgen muss. Die adoptierten elektronischen Kinder, alle von Haus aus mit extremen Aufmerksamkeitsdefizit ausgestattet. Ich bin mir nicht sicher, ob das noch Freizeitstress, oder schon selbstauferlegte Nötigung ist.

Die Psyche würde vielleicht eine Überwachung über die Anzahl der piepsgebenden Dinge vorschlagen. Sollte man sie fragen, was wir ja nicht tun, solange sie nicht krank wird. Doch es ist wie mit Dauerlärm von Straßen, oder auf der Arbeit im Großraumbüro, er stört nicht offensichtlich, aber langfristig macht es uns krank.

Wir fragen uns immerzu: Ist denn auch jedes Device gut genug geschützt? Braucht das Handy eine Diebstahlversicherung, die Spülmaschine wieder Entkalker? Ist das Wasser für die Waschmaschine das richtige? Ist der Kinderschutz im iPad aktiviert, ist die Virensoftware auf dem PC noch aktuell? Wann muss nochmal das Auto zum TÜV und dazwischen darf man das Luft holen nicht vergessen. Das ist Verantwortung und Stress, den man meist gar nicht sieht.

‚Die druckaufbauende Piepsgesellschaft‘ ist raffiniert, sie macht sich so interessant, dass man die Belastung übersieht, die jedes piepsen nach Strom, Batterien, oder sonstiger Pflichten, mit sich bringt.

Vielleicht sollten wir mal versuchen Verantwortung für uns selbst zu übernehmen und dem gesellschaftsfähigen Burn-Out auf den Grund gehen.

Wer weiß, vielleicht ist es auch bei Dir ein ‚PIEPS‘ zu viel gewesen, als du letztes Mal ausgeflippt bist 😉

Muss ich das jetzt tätowieren, oder darf das blank bleiben. 

Eine Frage, die ich mir seit Anfang 20 stelle. Also schon 8 Monate… *fügen Sie hier bitte sarkastisch, hysterisches Lachen ein*.

Spass beiseite, bei mir ging es irgendwann nach dem Abitur los, ich interessierte mich für Tattoos. Ich und der gesamte Rest der Menschheit. Da ich gerne zeichne und male, führten alle Wege irgendwann auch dahin. Ein Statement, für immer auf meinen Körper gemeißelt. Eine Erweiterung meines Ichs, für eine kleine Marie zu haben. Das schien und scheint immer noch sehr reizvoll.

Pack die Farbe auf meine Haut und endlich hebe ich mich von der grauen Masse ab, endlich werde ich das Individuum, das ich schon immer sein sollte. Dieses große Lebensziel von einem hoffentlich sterilen, begabtem und nüchternen Tattowierer erreichbar gemacht.

Ich wusste sofort, dass es ein eigenes Motiv wird. Etwas, dass ich entworfen habe und mir die Welt bedeutet. Ja, das war das erste Problem.

Welches 5×5 cm große Abbild vereinigt denn mein gesamtes Weltbild?  Tja, schwierig. Größer sollte es nicht sein, aber natürlich wahnsinnig ausdrucksstark. Ich denke, damit treffe ich den Mainstream-Geschmack genau ins Schwarze.

Also sinnierte ich so monatelang rum und versuchte eine Vorstellung zu realisieren, die sich wahnsinnig störrisch und unflexibel darstellte. Was gefällt mir noch in 30 Jahren?

Womit kann ich mir vorstellen am Ende auf der Bahre zu liegen?

Ich sehe ja immer den Mann im weißen Kittel vor mir, der mir den Zettel an den großen Zeh macht, während er denkt, wie jung ich noch mit 95 aussehe. Dann seinen skeptischen Blick auf mein Tattoo und diesen gilt es standzuhalten. Sein Blick soll sagen: Tolles Tattoo, steht ihr immer noch.

Das ist mal eine Aufgabe für so ein Tattoo, was?

Also entschied ich mich für eine Elfe aus der Comicreihe ‚Elfenwelt‘. Kennt keiner? Ich finde sie toll. Wendy, die Protagonistin, sollte mir Muse für die Perfektion sein. So geschah es. Das Motiv war gefunden, die Stelle auch. Es sollte vorne auf der Hüfte sein. Jetzt das beste Tattoostudio des ganzen Landes gesucht, hingefahren und aufgeregt einen Termin gemacht. Dann 50€ angezahlt und die Tage bis zum großen Stich gezählt.

Dann die Wendung, da da da dammmm.

Ich wachte schweißnass auf und fragte mich, was wäre, wenn es meine Karrierechancen beeinträchtigen würde. Was passiert wenn ich es leid werde, denn es gab zu dieser Zeit kaum Dinge, die ich länger als eine Saison gut fand. So ging es hin und her und was soll ich sagen: Die pure unberührte Haut hat gewonnen. Ich ließ die Anzahlung verfallen und verschob es auf später.
So geht das jetzt seit vielen Jahren. Ich mag viele Tattoos und kann mir inzwischen auch viele an mir vorstellen, doch keins hat es bis jetzt auf die Bühne geschafft. Ich kann mich einfach nicht entscheiden.

Es gab Jahre da war ich froh keine Tattoos zu haben, es gab Jahre da war ich ein paar Mal kurz davor etwas machen zu lassen.

Im Endeffekt bin ich noch blank.

Hier geht es mir nicht um die Grundsatzdiskussion ob Tattoos toll sind, oder nicht, denn das ist eine Frage, die niemand beantworten kann. Genau wie die Frage, ob man Kinder haben muss, oder nicht. *Der Diskussionsmodus ist deaktivert*

Doch unterliegen sie einem Trend

Wie wir alle wissen, gab ja die Zeiten wo nur Kriminalität und Knastbesuch zu einem Tattoo qualifizierten, dann Zeiten wo man nur darauf achten musste, dass nicht jede Mitschülerin das gleiche Arschgeweih hat wie man selbst.

Die Zeiten des Individualismus gefielen mir sehr gut. Anker, Pin Up Tattoos und Arschgeweihe wichen in den Hintergrund und kluge Tattoos kamen an den Start. Klar liegt hier klug immer noch im Auge des Betrachters, aber ich nenne es mal so.

Die Leute machten sich Gedanken über persönlich zugeschnitte Tattoos. Bilder die niemand anderes hat. Koordinaten der Geburtstage der Kinder, Scancodes des Namens usw. usw.usw.

Das Tätowieren unterliegt Trends und man muss nur beobachten welcher davon einen dann packt.

Es kamen ja auch die Zeiten, in denen man als Untätowierter total uncool war. Man fühlte sich leer und als Normalo abgespempelt. Ja ja da ist etwas überzogen, doch es steckt ein Funken Wahrheit darin.

Sätze wie: Du hast gar kein Tattoo? Nichtmal auf der Schulter? Wow. Solche Sätze lassen einen nachdenken ob man nicht doch ein Lemming ist, der sich nicht abhebt und sich was traut. Doch soll ich Euch heute Abend was sagen? Im Moment scheint es mir fast andersherum, zur Zeit ist man individuell und willenstark wenn man kein Tattoo hat.

Ob bunt, ob blank, Du bist wunderbar 😀